Diesen Beitrag gibt es auch zum Anhören hier:

Stellt euch vor, ihr seid seit Jahrzehnten auf der Flucht vor eurer grausamen Vergangenheit. In eure Heimat werdet ihr deswegen wohl nie wieder zurückkehren können. Das Einzige, was euch noch etwas bedeutet und euch am Leben hält, ist die Liebe des Menschen an eurer Seite. Zusammen mit diesem geliebten Menschen flieht ihr quer über den gesamten Globus. Ihr beide werdet zunehmend paranoid und seht in jeder Person eure Verfolger. Hinzu kommen deine Albträume und Schreie in der Nacht, die euch beiden den Schlaf rauben. Eure Flucht führt euch eines Tages über die Küste Islands. Ihr geratet mit eurem Flugzeug in einen Vogelschwarm, mehrere Vögel treffen das Triebwerke, das Flugzeug bricht und stürzt ab— mitten über einer kalten und lebensfeindlichen Umgebung. Als ihr wieder zu euch kommt, seid ihr allein, einzig ein Mobiltelefon und der Gedanke daran, den geliebten Menschen am anderen Ende der Leitung zu retten, treiben euch quer durch Eis, Schnee und Feuer. Und auch ein nur allzu gut bekannter Gast gesellt sich hinzu: Eure Vergangenheit.

Die oben angerissene Geschichte ist die von Stanley (=Protagonist) und Leonore (=der geliebte Mensch) im First-Person-Narrative-Thriller “The Fidelio Incident” von Act3 Games. Ich habe diese Spiel in meinem Streams durchgespielt und bin nachhaltig fasziniert von der Art und Weise, wie dieses Spiel seine Geschichte verpackt und transportiert. Grund genug euch meine Gedanken in einem Beitrag aus meiner Reihe “Essenz einer guten Geschichte” näherzubringen. Hierbei stelle ich mir wie immer die Frage: Was macht eine gute Geschichte aus und warum ist gerade “The Fidelio Incident” als solche so fesselnd für mich gewesen? Wenn ihr eher eine reine Review des Spiels möchtet, schaut gern in meine Steamreview des Spiels.

Hintergrundinformationen

Das Spiel ist ein Feierabend- und Wochenendprojekt von Act3 Games – eines Indieentwicklerteams unter der Leitung von Ken Feldman (u.a. Art Director für God of War 3) und erschien im Mai 2017 in Eigenregie auf Steam. Das Kernteam bestand nur aus 3 Personen, was mir angesichts des entstandenen Spiels und dem Fakt, dass es “nebenbei” entwickelt wurde, doch so einiges an Respekt abringt. Die Inspiration für das Spiel fand das Team in Ludwig van Beethovens einziger Oper “Fidelio” und dem Nordirdlandkonflikt, auch als “The Troubles” bekannt. Auf Themen aus der Oper Fidelio beruht auch der etwa 40-minütige Soundtrack des Musikers und Komponisten Michael Krikorian.

Für mehr Informationen zu Fidelio und dem Nordirdlandkonflikt schaut euch gern meine Einführung im damaligen Stream an:

Das Game Design ist übrigens inspiriert durch die beiden Spiele Firewatch und Gone Home. Diese Wahl kann ich nur begrüßen, da beides auch für mich sehr tolle Spieleerfahrungen gewesen sind, die ich euch wärmstens empfehlen kann.

Die Storyanalyse

Widmen wir uns nun der Story an sich. Die Spoiler halte ich möglichst gering, während ich die Story genauer betrachte und ihre Faszination in Worte fasse.

Wie wird die Geschichte erzählt?

Zentraler Anker der ganzen Geschichte ist das Tagebuch von Leonore , das sich während des Absturzes über die ganze Spielwelt verteilt hat. Nach und nach finden wir auf der Suche nach Leonore die einzelnen Seiten. Der Clou daran: Wir finden sie nicht in chronologischer Reihenfolge. Das hat den Effekt, dass wir als Spielende immer einen Raum für Spekulationen haben, da sich die Geschichte erst nach und nach, wie die Teile eines Puzzles, zusammenfügt. Das hat, zumindest bei mir, die Spannung und das Erleben der Geschichte enorm intensiviert. Dabei ist nicht unerheblich, dass Leonores Sprecherin Bess Harrison alle Einträge sehr gut vorträgt.

Wo spielt das Spiel nun eigentlich?

Entscheidend ist es, zu verstehen, dass ist die Küste Islands, also der Ort, den wir aktiv mit Stanley durchlaufen, -klettern und -springen, nur eine Art Hülle der Geschichte. Vieles spielt sich in Stanleys Bewusstsein (z.B. in Form von Rückblenden) und Leonores Tagebüchern ab. Im Grund spielt die Geschichte überall auf dem Globus und vor allem in Irland, die Heimat der beiden. Das finde ich einen sehr interessanten erzählerischen Ansatz — Spiel- und Handlungsort sind getrennt. Beim Spielen hatte ich jedoch nie das Gefühl, dass das, was ich auf Island tue, unwichtig sei. Es brachte mich immer weiter voran in der Geschichte, sodass ich nicht einfach sagen könnte: Nimm Island komplett heraus und du hast das gleiche Spielerlebnis. Vielleicht ist Island gerade so kalt, so lebensfeindlich und so kahl genug, dass man sich mehr auf das Wesentliche -die Geschichte- konzentrieren kann.

Hinzu kommt, dass die Umgebung sehr schön in Szene gesetzt ist und teilweise auch die Tagebucheinträge unterstützt. Zum Beispiel finden wir einen Eintrag über den Tod eines Menschen auf einem Tierfriedhof. Gerade diese Stelle samt des dort zu findenden Tagebucheintrages habe ich dadurch noch intensiver erlebt.

Einige Orte untermalen die Story zusätzlich, wie dieser Tierfriedhof. (Quelle: Screenshot “The Fidelio Incident” von Act3Games, 2017)

Was für eine Art von Geschichte ist “The Fidelio Incident”?

Es gibt verschiedene Nuancen, aber im Mittelpunkt steht ganz klar die Liebe zwischen Stanley und Leonore, die schon fast fanatisch anmutet. Über Jahrzehnte und derartige brutale und schicksalhafte Momente hinweg mit einem Menschen zusammenzubleiben, erfordert schon eine Prise Fanatismus, aber gleichzeitig natürlich auch Vertrauen und tiefe Zuneigung. Auf der anderen Seite geht es auch um das Gefühl, für immer von der Heimat getrennt worden zu sein und wie so ein Konflikt wie “The Troubles” in Nordirland das Schicksal der Beteiligten auf ewig prägen kann. Mitunter bedient sich das Spiel auch Elementen eines Psychothrillers — das betrifft vor allem Stanley mit seinen Flashbacks und seiner sehr angeschlagenen psychischen Verfassung.

Fazit

Warum war für mich die Story nun so faszinierend und was macht sie besonders?

  1. Der geschichtliche Hintergrund machte die eigentlich fiktive Geschichte plastischer und glaubhafter. Der Gedanke daran, wie Vielen es während des Nordirlandkonfliktes so ergangen sein muss, wirkte auf mich schon beklemmend.
  2. Die nicht-lineare Erzählweise mithilfe von verstreuten Tagebucheinträgen regt Neugier und Vorstellungskraft an. Nach und nach bauen sich die Zusammenhänge zusammen-, gleichzeitig aber auch ein gewisser Spannungsbogen auf. Man beginnt Zusammenhänge zu erahnen, ohne sich dabei vollkommen sicher sein zu können.
  3. Die Sprecher waren durchweg sehr gut und vor allem Leonore hat einen entscheidenden Einfluss, da sie alle Tagebucheinträge mit diesem “schnodderigen” irischen Akzent vorliest. Das verleiht den Texten viel Leben.
  4. Es gibt sehr emotionale Momente in welchen es um Tod und Trauer geht, die sehr berührend sind. Und auch das Ende weiß dramaturgisch und obendrein auch logisch zu überzeugen. Mir hat gefallen, dass es nachvollziehbar war — mehr wird natürlich nicht verraten.

Ich hoffe, euch hat dieser Text gefallen und schreibt mir gern, wie ihr es fandet und ob ihr davon mehr lesen und hören wollt.

Herzlichst,
Euer Peter

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